Goodbye, my love

Jetzt sitze ich hier. Auf dem Sofa, wo ich monatelang immer NCIS LA oder die Nachrichten geschaut habe. Oder Eis gegessen. Wäsche zusammengelegt. Kartenspiele gespielt. Die Liste ist lang. Gestern bin ich doch noch meiner Gastfamilie freudestrahlend in die Arme gefallen, wie kann es da sein, dass ich morgen Abend schon wieder Tschüss sagen muss? Und dies mal für immer. Oder zumindest für eine viel zu lange Zeit. Irgendwann kommen sie vielleicht mal nach Deutschland, haben sie gesagt. Aber wann? Dann, wenn ich fertig studiert habe? Oder in 10 Jahren, wenn ich vielleicht schon selber Kinder habe? Dann sind meine Hostkids selber schon ziemlich erwachsen. 

Now I'm sitting here. On the couch, where I always watched NCIS LA or the news. Ate ice-cream. Folded clothes. Played cards. I kinda did everything here. Yesterday I was so happy being reunited with my beloved second family, so I don't quite get how it comes that I've to say Goodbye to them tomorrow night. This time it gonna be forever. Or at least for a really long time, I guess. One day they'll come to Germany. But when? When I'm studying? Or maybe in 10 years when I've got my old kids running around? My hostkids gonna grown up by then.

Wie soll ich nur den Abschied überstehen?

How am I gonna survive this farewell?

Der Koffer ist gepackt und geht sogar ohne Probleme zu. Viel zu einfach besser gesagt. Wie kann es sein, dass nach 10 Monaten so wenig übrig ist? Wo sind meine Erinnerungen und all die wunderschönen Momente hin? In meinem Kopf und auf meiner Festplatte. Doch reicht das? 

I already packed my suitcase and it is easy to close. By far too easy. How can 10 months fit so easily in my suitcase? Don't memories weight at all? Where are they? In my head and on my hard drive. But is this enough?

Im August habe ich noch ganz enthusiastisch mein Reisetagebuch geschrieben und jeden Schnipsel dort sauber aufgeklebt. Doch dann hat mich die Lust verlassen, alles zu dokumentieren. Das ist eine der sehr wenigen Sachen, die ich bereue. Auf meiner Reise durch Neuseeland habe ich ein paar Engländerinnen getroffen, die alle ihr Tagebuch haben und dort mehr oder weniger jeden Abend berichten, was gerade passiert und ihr Gedanken festgehalten haben. Die eine meinte sogar, dass sie es sich auf dem Rückflug von vorne bis hinten durchlesen wird. So kann sie die gesamte Reise nochmal durchleben.

I was writing a travel journal in August 2014 but I gave up on this soon after. That is kinda the only thing I really regret doing in the last year. In New Zealand I met a bunch of girls, who all had their own travel journal. They wrote in it most evenings and when they fly back home, they'll read it from the very first page till the end. This way they can go on their journey again and again.

Und ich? Manchmal habe ich das beängstigende Gefühl schon alles zu vergessen. Natürlich nicht die großen Highlights oder wo ich über all war. Aber ich meine so die kleinen Dinge. Vielleicht ein Mensch. Ein Gespräch. Oder einfach die Gefühle, welche durch bestimmte Dinge oder Menschen ausgelöst wurden. Noch ist es da, doch oftmals muss ich mich schon anstrengen, um mich an einen bestimmte Augenblick zu erinnern. Ich dachte immer, dass ich noch meinen Enkelkindern von diesem ganz besonderen Jahr erzählen werde. Doch was ist, wenn ich dann einfach nicht mehr weiß, was ich erlebt. Was ist, wenn irgendwann alles nur noch ein blasser Schatten ist?

And me? Sometimes I feel like I'm already losing my memories. This is a really scary feeling. I didn't forget the highlights or the places I went. But I'm talking those small things. A person. A conversation. Or a feeling. So far I can still remember everything but I can feel how some things are getting harder and harder to remember. I was convinced that I'll tell even my grandchildren about this very special year. But what if I can't remember anything? What if all what I got left are dusty shadows of memories?

Draußen ist es kalt, fast so als ich vor 10 Monaten hergekommen bin. Drinnen läuft die Heizung auf Hochtouren. Neben mir liegt mein Smartphone und spielt die Spotify Playlist "Afternoon Acoustic", aber die Musik wird von Lied zu Lied immer melancholischer. Oder bin das ich?

It is cold again in Canberra. Similar to when I first came here. I listen to a Spotify playlist called "Afternoon Acoustic" but with every song it goes sadder and sadder. Or is this me?

Beim Kofferpacken habe ich erst gar nichts gefühlt. Schließlich habe ich ja die letzten 4 Monaten aus dem Koffer gelebt, da ist das Ein- und Ausräumen zur Routine geworden. Erst als ich mich im Wohnzimmer umgeschaut und festgestellt habe, dass alles eingepackt ist, tat es weh. Mein ganzes Leben ist in diesem einen Koffer. 25 Kilogramm. Das kann doch gar nicht wahr sein. Dieses Mal ist es das letzte Mal, dass ich diesen Koffer packe. Danach ziehe ich wieder in mein Kinderzimmer mit meinem großen, weißen Kleiderschrank. Als wär nichts gewesen, ziehe ich wieder bei meinen Eltern ein. Diesmal gehe ich dann eben nicht jeden früh in die Schule, sondern fahre zu meinem Praktikum. Aber sonst? 

First I didn't feel sad at all packing my suitcase. Because living out of  a suitcase for 4 months I'm used to pack and unpack my stuff. Only when I looked around in the living room I realized that this is the last time I gonna pack this suitcase. Kinda everything I own is in this suitcase. 25 kilos. That can't be true. That can't be enough. Soon I'll move back to my parents with my big, white wardrobe. No packing anymore. I think, it will be weird moving back. Like nothing changed. Instead of going to school, I just drive to my internship.

Ich weiß, dass ich mich verändert habe, gewachsen bin und doch fühlt es sich gerade so an, als wär die Zeit stehen geblieben. 

I know, that I changed, that I grew up. But at the same time I feel like the time is stuck.

Ich möchte eigentlich gar nicht an morgen Abend denken. Kann ja schließlich nicht jetzt schon alle meine Taschentücher aufbrauchen. 

I don't really wanna think too much about tomorrow night. Because I should save the tissues for tomorrow.

Mein Zimmer wurde, während ich weg war, von meiner Gastfamilie als Rumpelkammer benutzt. Und als ich vorhin zwischen all den Kisten und Boxen meinen Pappkarton mit meinem Krimskrams herausgesucht habe, habe ich eine Karte gefunden. Handbemalt von einem kleinen Kind. Meinem kleinen Kind. Adressiert an SANDRA. I love you, your Rory.

While I was traveling they used my room as a storage room. So when I was looking for my cardbox I found a little card for me. It was coloured by child. My little child. Saying: I love you, your Rory.


I love you too, my cheeky monkey. But I've to say Goodbye, my love.

Kommentare:

  1. Hallo liebe Sandra! :-)

    Gerade bin ich durch Zufall auf deinen Blog gestoßen, habe den ersten Beitrag gelesen und bin völlig verzaubert! Nach genau so einem Blog habe ich schon ewig gesucht! Brisbane! *-*
    Jetzt muss ich mich mal ran machen, einige deiner Beiträge nachzulesen. Du hast mir gerade wirklich den Tag versüßt. Mach weiter so und komm gut nach Hause.

    Liebste Grüße,
    Franzi

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  2. Reisetagebücher sind so eine Sache - ich schaffe es grundsätzlich nie, bei einer Reise mit mehr als 14 Tagen durchgängig eins zu führen und gerade bei Reisen, bei denen man kaum Zeit für sich hat, findet sich einfach selten die Zeit, alle Gespräche und Gedanken noch vor dem Verlöschen festzuhalten.
    Ich kann deine Gefühle so gut nachvollziehen, du schreibst sie sehr eindringlich. Ich bin mir sicher, wenn du wieder da bist, wird sich auch dein Zuhause verändert haben.
    Alles neu macht der Sommer oder so :).

    Liebe Grüße,
    Evanesca

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  3. total schöner Post, Liebes!
    Das ist sehr traurig, Abschied nehmen zu müssen. Das geht mir auch jedesmal so wenn ich wieder abreisen muss...aber wenn man das mal überwunden hat dann bleiben einfach nur noch die schönen Erinnerungen aus der Zeit und dann ist es echt schön :)
    Liebst, Isa | My Makeup Addiction Confession

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