Hand auf's Herz - Ich hab euch lieb

Sie sind da wenn es einem schlecht geht. Sie sind da wenn man gerade die gesamte Welt umarmen möchte. 
Freunde.
Wenn man sich aber einige Monate entfernt von ihnen am anderen Ende der Welt befindet, bemerkt man kleine Veränderungen. Die einen Freundschaften werden enger, andere leben sich gar auseinander und im neuen Land entwickeln sich zudem auch noch neue, tolle Freundschaften.

Alte Freunde. Neue Freunde. Kindergartenfreunde & die, die man hoffentlich bis ans Lebensende hat.
Sie alle versüßen einem das Leben und mal ganz ehrlich: Was wären wir nur ohne sie?

Und da heute zwei meiner Au Pair Mädels die Weiter- bzw Heimreise angetreten haben, bin ich ein bisschen ins Grübeln gekommen. Freunde? Wie kommt man eigentlich zu diesen Wundermenschen und warum halten manche Freundschaften schon über zehn Jahre mit vielen Höhen und Tiefen während andere schon nach dem ersten Streit zerbrechen? Denn dass Streiten zur Freundschaft dazugehört, sollte ja mittlerweile jeder wissen. Oder liege ich da falsch?



Wenn man so für mehrere Monate am anderen Ende der ist, stellt man schnell fest, dass der Kontakt zu manchen Freunden sehr rar ist und die eine oder andere Freundschaft gar unter der riesigen Entfernung zusammenbricht. Doch auch das Gegenteil tritt ein und einige eher "flüchtige" Freundschaften - ihr wisst schon, die Partyfreunde zum Beispiel - werden auf einmal fiel enger und man entdeckt Seiten an der anderen Person, die man früher einfach nicht wahrgenommen hat.

Und glücklicher Weise bilden sich im neuen Land auch schnelle neue Cliquen, Freundschaftsbänder und unersetzbare Freundinnen, die manchmal dem Begriff Seelenverwandte gefährlich nah kommen. Aus den anfänglichen, oberflächlich höflichen Konversationen How long are you staying? How many kids do you have? Ah wow and how old are they? werden im Laufe weniger Wochen die besten Abenteuerkumpanen, Sorgenfresser, Au-Pair-Leben-Ratgeber und Quatschköpfe. Und das alles am besten in einer Person. Und genau solche Freunde findet man eben abroad, wenn nur das hier und jetzt zählt, man sich neu finden kann und alle mehr oder weniger dieselben Erlebnisse teilen. 

Ohne meine Mädels hier, wäre die Sache nur halb so spaßig und jedem Trip würde das Salz in der Suppe fehlen. Wer kann schon behaupten sich mit seinen Freundinnen anfangs eher mit Händen und Füßen unterhalten zu haben als mit Worten, weil zu Beginn eben die englischen Wörter gefehlt haben. I mean ... I can't say it in English .. but ... don't you know what I mean?? 
Ahhh THIS? Yeah, I know what you wanna say ... buy uargh I can't say either.
Mittlerweile ist diese Phase Geschichte und die Sprache stellt keine Barriere mehr dar. Doch gerade diese Schwierigkeit hat die anfänglichen, lockeren Freundschaftsbänder verknüpft und mit jedem neuen Trip, mit jedem neuen Erlebnis kamen mehr Knoten hinzu. Bis man sich ein Dasein ohne sie gar nicht mehr vorstellen kann. Und wie das Leben so spielt, kommt genau dann die Trennung. Alles andere wäre ja auch langweilig. Bei den einen ruft das Studium, bei den anderen die Abenteuerlust. Und so werden auch mit diesen Mädels die Skype-Namen ausgetauscht und es fühlt sich an wie damals vor ungefähr vier Monaten, als man den deutschen Freunden das letzte Mal um den Hals gefallen ist, das Handy voller Email-Adressen, Anschriften und alten Fotos.


Zum Teil vermisst man natürlich die Freunde von daheim und fiebert dem Wiedersehen entgegen. Was genau hat sich dem Jahr verändert? Welche "Freundschaften" bestanden nur auf Grund labiler Pfeiler, die schon nach zwei Wochen Auslandserfahrung den Bach runter gegangen sind? Aus den Augen, aus den Sinn.
Aber auch, was ist gleich geblieben? Welche Freundschaften kommen gestärkt und gefestigt aus den langen Monaten der Trennung hervor? Ist die Rolle, die man dann einnimmt dieselbe wie vor dem Flug?

Wie schon angedeutet, manche Freundschaften, auf die ich gewettet hätte, dass sie sowas locker überstehen, zerbrechen plötzlich wie altes Glas. Doch ich denke, man sollte diesen Freunden nicht lange hinterher trauern. Früher oder später wäre es eh dazu gekommen und so kann man sich mehr auf die Wahren konzentrieren. Viel wichtiger sind doch die Beziehungen, die enger und vertrauensvoller werden. Vielleicht meldet sich der "flüchtige Bekannte" plötzlich viel öfter als die vermeintlichen besten Freunde und schwuppdiwupp lernt man einen lang gekannten, völlig neuen Menschen kennen. Oder Freunde aus der Vergangenheit, von denen man vielleicht durch ein Streit oder Umzug auseinander getrieben wurde, stellen den Kontakt wieder her. Ich nenne diese Freunde gerne die Überraschungsfreunde. Man wusste gar nicht, wie wichtig man derjenigen Person war, beziehungsweise wie sehr man sie vermisst hat. Bähm, plötzlich klopfen sie wieder an die Tür und eine völlig neue Reise beginnt.



Trotz allem: Die besten Freunde bleiben nun mal die Lieblingsmenschen und mit ihnen zu skypen, vertreibt jegliches schlechtes Gefühl und pusht die guten nochmal so richtig nach oben. Diese Besonderen werden wohl noch in 70Jahren bestehen und ihr wisst ja, was dann nur noch zählt: Hauptsache wir hocken später alle im selben Altenheim.

Jetzt habe ich zwei Stunden rumgesessen, philosophiert, Zeilen gelöscht und andere hinzufügt, aber eigentlich kann ich nur eines sagen:

Egal ob Sandkastenfreunde, Herzensmenschen, Neueroberungen oder Überraschungsfreunde; ich habe euch ganz dolle lieb.

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